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VÖLKISCH – Die Vergewaltigungsstatistik

 Von Jo Specht

   „Wir müssen uns mit Frauen stärker beschäftigen.“

   „Sexuell?“

   „Idiot, mit der Rolle der Frau in unserer Gesellschaft. Ich sage nur die Stichworte Familie, Kinder kriegen, Ausbildung, Emanzipation oder Gleichstellung.“

   „Ja, das ist löblich.“

   „Moment, ich habe ein Stichwort vergessen. Ein Stichwort, das sich auf Frauen bezieht, die sich mit ausländischen Männern einlassen. Mir fällt dafür kein griffiges Schlagwort ein, schon seit Tagen zerbreche ich mir darüber den Kopf. Ich suche ein Schlagwort, das hier punktgenau ins Schwarze trifft.“

   „Gemischte Partnerschaften, Liebe über Landesgrenzen hinweg, kulturreiche Vereinigungen.“

   „Frauenschutz, wir schützen unsere Frauen. Wir schützen unsere Frauen vor Männern, die keine Deutsche sind. Ja, das ist gut.“

   „Warum und wie genau soll das aussehen?“

   „Blöde Frage. Du weißt doch, zuerst kommt die Behauptung. Die Verkündung einer bedrohlichen Situation, zum Beispiel jeder männliche Ausländer hat mindestens einmal eine deutsche Frau unsittlich angefasst. Gegen ihren Willen, natürlich.“

   „Natürlich. Das glaubt niemand.“

   „Du hast keine Ahnung. Wir behaupten das, beweisen können wir das nicht, logisch, doch behaupten schon. Du wirst sehen, das Interesse wird riesengroß sein.“

   „Ist das nicht strafbar?“

   „Wer soll uns verklagen? Alle Nichtdeutschen, die sich in Deutschland aufhalten? Niemals. Zudem können wir sagen, dass das unsere Überzeugung ist.“

   „Eine Überzeugung ersetzt keine Fakten.“

   „Fakten, Fakten, Fakten, unsere Überzeugung basiert natürlich auf Fakten.“

   „Auf welche Fakten denn?“

   „Wir schaffen uns die Fakten. Wir suchen uns ein Gebiet in Deutschland mit einer hohen Vergewaltigungsrate. Geben dann eine hohe Dunkelziffer oben drauf, denn nicht jede betroffene Frau geht gleich zur Polizei und wird somit statistisch erfasst. Von der dortigen Einwohnerzahl ziehen wir die Deutschen ab, die übrig gebliebene, geschätzte, von uns geschätzte Ausländerzahl wird in Korrelation zu der festgestellten Vergewaltigungsrate gesetzt. Fertig ist die Statistik.“

   „Die sehr glaubwürdige Statistik.“

   „Die wir natürlich auch selbst interpretieren und kommentieren. Damit geben wir den Leuten willkommene Orientierungshilfen.“

   „Also, ich meine …, das Ganze …, nicht gerade astrein.“

   „Noch glaubwürdiger wird es, wenn wir auch eine Hochrechnung machen.“

   „Wie? Hochrechnung?“

   „Ja, wir prognostizieren auf Basis dieser Statistik die Zukunft. Sagen wir mal, die nächsten zehn Jahre. Zu lange in die Zukunft darf es nicht sein, denn dann sagen viele, das berührt mich nicht mehr. Das schaue ich mir von oben an. Oder aber sie sagen, bis dahin passiert noch viel, es wird zum Beispiel etwas erfunden, dass das auf unserer Hochrechnung basierende Szenario verhindert. Der für das Jahr 2050 vorhergesagte Weltuntergang interessiert heute niemanden. Jeder glaubt doch, eine in den nächsten Jahren gemachte Erfindung verhindert den.“

   „Totalüberwachung und Roboterpolizisten.“

   „Was?“

   „Überwachungskameras überall und kostengünstige Roboterpolizisten an jeder Hausecke, das senkt die Vergewaltigungsrate.“

   „Du redest von einer möglichen Lösung irgendwann in der Zukunft. Wobei mir diese Lösung nicht gefällt. Einerlei, heute geht es nur um die Bedrohung. Wir müssen die Bedrohung der deutschen Frauen durch ausländische Männer herausarbeiten, mehr betonen, in den Vordergrund, nein, ins Rampenlicht stellen.“

   „Eine Lösung musst du auch nennen.“

   „Wir sind, das heißt unsere Partei ist die Lösung.“

   „Geht es nicht etwas konkreter?“

   „Wozu? Wir sind die Garanten dafür, dass es besser wird.“

   „Das ist dünn, sozusagen überaus dünn.“

   „Für dich weil du die Interna kennst, wie beispielsweise die Statistik entstanden ist.“

   „Irgendjemand wird kommen und eine echte, glaubwürdige Statistik präsentieren. Dann fliegt alles auf.“

   „Oh Mann, nein. Wir leben in einem freiheitlichen Land, da kann jeder sagen was er meint. Wir präsentieren unsere entworfene Statistik, erklären diese und malen die Zukunft an die Wand – das ist Service pur. Wenn jemand eine andere Statistik hat, bitteschön. Wir sagen, dass wir nur unserer Statistik vertrauen, zumal sie unser politisches Handeln wesentlich bestimmen wird.“

   „Das wird eine Statistik sein, die jeden Nichtdeutschen unter einen Generalverdacht stellt. Jeder Nichtdeutsche könnte ein Täter, ein potentieller Grapscher oder gar Vergewaltiger sein.“

   „Na und? Wir wollen doch, dass die Ausländer verschwinden. Die deutschen Frauen sich mehr mit den deutschen Männern beschäftigen.“

   „Und was ist mit den deutschen Männern, mit den deutschen Grapschern und Vergewaltigern?“

   „In unserer Statistik tauchen sie nicht auf. Sie sind Deutsche, das muss man ihnen schon zu Gute halten.“

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