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VEREINFACHUNG - Fragwürdige Denkweisen 

 Von Jo Specht

   „Die Welt ist übersichtlich, überhaupt nicht kompliziert. Wenn jemand von unserer komplizierten Welt spricht, will er ablenken. Dann will er etwas verschleiern, die Leute für dumm verkaufen. Dann hat er etwas zu verbergen, ja. Es freut mich sehr, dass immer mehr Menschen den Dummschwätzern nicht mehr glauben und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Den Kern einer Sache kennen lernen wollen.“

   Wir sitzen auf einer Parkbank. Es ist später Nachmittag, die Frühlingssonne verabschiedet sich langsam. Noch wirft sie ihre warmen Strahlen auf das Rosenbeet vor uns, auf meinen Nachbarn und mich. Er saß schon auf der Bank, als ich in den Rosenpark kam. Als ich ihn fragte, ob er noch jemand erwarte oder ein Platz frei wäre, lud er mich mit einer ausschweifenden Handbewegung und einem freundlichen Lächeln ein, mich zu setzen.

   Es ist schön auf der Bank, in der Nachmittagssonne, auch wenn diese sich langsam verabschiedet. In einer halben Stunde dürfte sie verschwunden sein. Es ist angenehm, den würzigen Duft des beginnenden Frühlings einzuatmen. Ein Duft, der im gerade erwachenden Rosengarten, in dem es nicht nur Rosen gibt, viel intensiver ist.

   Mein Banknachbar, dessen laut vor sich hingesprochene Worte ich zuvor hörte, hat offensichtlich ein Problem. Ein wohl größeres Problem mit jemanden, der sein Umfeld für dumm verkaufen möchte. Doch gleichzeitig beinhaltet sein Ausspruch Hoffnung bezogen auf rational denkende oder kritische Menschen, die in der Lage sind, ein infames Spiel zu durchschauen. Menschen, die sich von Verblendungen oder Nebelkerzen nicht ablenken lassen. Denke ich da zu weit?

   Nach der auffälligen, einladenden Handbewegung, mich neben ihn zu setzen, hat er nichts mehr gesagt. Er schaut starr geradeaus, auf das vor uns liegende Rosenbeet. Ich habe ebenfalls keine Lust, mich zu unterhalten. Mit einem behaglichen Lächeln genieße ich die Stille des Parks, die wärmende Frühlingssonne und den feinen Duft.

   „Ist für sie die Welt kompliziert?“, fragt er mich plötzlich.

   Ja, schon“, antworte ich nach einem Zögern.

   „Braucht es nicht zu sein. Die Kunst ist, den Punkt zu finden. Den Punkt oder auch den Kern, der alles erklärt. Von dem alles ausgeht.“

   „Gibt es in einer komplizierten Welt nur einen Punkt? Gibt es da nicht immer mehrere Punkte?“, antworte ich nachdenklich, ohne meinen Nachbarn anzuschauen.

   Es ist eine höfliche Antwort, keine Frage, die er beantworten soll. Ich habe keinen Bock, mir sein Problem, sicherlich waren es sogar mehrere Probleme, anzuhören. Demonstrativ drehe ich mich zur Seite, weg von ihm, und schaue in die Ferne. Auf die kleine Straße, die den Park begrenzt, und auf der nur ab und zu ein Auto fährt.

   „Es gibt immer nur einen Punkt, sozusagen einen Kern“, kommt es von ihm laut und bestimmt.

   Ich sage nichts und schaue weiter auf die kleine Straße über der die Frühlingssonne steht. Die Straße erscheint leicht gelblich.

   „Die Kunst ist, diesen Punkt zu finden. Nein, zu sehen, das ist besser. Der Punkt ist da, immer da, doch durch das Komplizierte verdeckt, oft nicht oder nur sehr schwer auszumachen. Das Komplizierte muss weggeräumt werden, dann kommt er zum Vorschein. So einfach ist das.“

   „Aha“, entfährt es mir unwillkürlich. Ich drehe ihm den Rücken ganz zu.

   „Können wir nicht Du zueinander sagen? Ich bin der Horst.“

   Verblüfft drehe ich mich um. Er sitzt da, eine Hand zu mir ausgestreckt, und lächelt mich an. Ein Spinner, das ist ein kompletter Spinner, durchfährt es mich. Hoffentlich ist er harmlos. Lächelnd streckt er mir die Hand noch weiter entgegen. Nimm diese Hand, sage deinen Vornamen, sei höflich und haue danach ab, beschließe ich insgeheim.

   „Ich heiße Bert.“

   Sein Händedruck ist fest. Seine Handinnenfläche ist trocken, nicht schweißverklebt. Viele Spinner haben schweißverklebte Hände. Sie schwitzen stärken als andere. Was oftmals von den Medikamenten herrührt, die sie nehmen müssen. Das sagte mir ein Bekannter, der in einer psychosomatischen Klinik als Pfleger arbeitet.

   „Bert, wie der Schauspieler Bert Haferklein? Der immer diese Nazirollen spielt? “

   „Ich kenne diesen Schauspieler nicht“, erwidere ich förmlich.

   „Ich sage dir, ein sehr guter Schauspieler.“

   „Obwohl er Nazirollen spielt?“

   „Er kann sich diese Rollen sicherlich nicht selbst aussuchen. Er muss annehmen was kommt. Schauspieler, wie alle freischaffende Künstler, haben es heute nicht leicht.“

   Ich will mich verabschieden, suche nach einer guten Ausrede, warum ich mich schnellstens verabschieden müsste. Da sagt er: „Bert, lass uns die untergehende Frühlingssonne hier auf der Bank genießen. Geben wir uns der Zeit, geben wir uns dem schönen Augenblick hin und schweigen. Einverstanden?“

   Ich nicke und sage nichts. Ein Weggehen mit einer vorgeschobenen Ausrede passt jetzt nicht. Kurz schiele ich zu ihm rüber. Er sitzt leicht vorgerutscht auf der Bank, die Füße weit in Richtung Rosenbeet gestreckt. Das Gesicht der Sonne entgegen, die Augen geschlossen, ein Lächeln umspielt seine Lippen. Auch ich schließe die Augen und hebe mein Gesicht zur Sonne hin. Zur Frühlingssonne, die zusammen mit dem Duft und der Stille für ein unbeschreiblich schönes Wohlgefühl sorgt.

   Das alles in Ruhe zu genießen, das ist eine sehr gute Idee, fährt es mir durch den Kopf. Solch ein Gleichklang mit mir, solch ein Feingefühl, solch eine Sensibilität bei ihm, das ist überraschend und zugleich schön. Der Begriff Kern ist doch ein Synonym für den Obstkern, zum Beispiel dem Pfirsichkern. Doch wie viele Obstsorten gibt es, die mehrere Kerne haben? Werden die alle zusammengefasst, zu einem Kern verschmolzen? Doch dann stimmt das Bild nicht mehr. Ich werde ihn darauf ansprechen.

   Ja, wahrscheinlich kann ein Schauspieler aus wirtschaftlichen Gründen seine Rollen nicht immer selbst aussuchen. Wie heißt er? Bert Haferklein? Ich muss den Namen mal googeln.

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